Leben

Hubert Distler (1919-2004)

Kindheit und Jugend

Bild vor Kölner Dom
Erste Reise Berlin, Hamburg, Köln 1936

Hubert Distler wurde am 13. Juli 1919 in Lindau am Bodensee als Sohn des Lokomotivführers Georg Distler und Margarete Distler (geb. Münch) geboren. Während seiner Volksschulzeit zog die Familie im Jahr 1926 nach Schongau in Oberbayern. Bereits in der Schulzeit zeigte sich sein künstlerisches Talent, so dass er sein Taschengeld mit dem Verkauf von Bildern aufbessern konnte. Von 1931 bis 1937 besuchte er die Realschule in Weilheim, wo er als bester Zeichner der Schule geehrt wurde.

Neben seinem Interesse an der Kunst, trieb er auch mit Begeisterung Sport, was ihm später dabei half, seine schwere Kriegsverletzung zu ertragen.

Seine erste Reise führte ihn noch während der Schulzeit durch ganz Deutschland.

Zweiter Weltkrieg und Aufnahme des Studiums

Nach dem Realschulabschluss 1937 war sein größter Wunsch, Architekt zu werden. Da ihm für dieses Studium jedoch das Abitur fehlte, entschied er sich zunächst für einen Militärdienst. Mit Ausbruch des zweiten Weltkrieges arbeitete er als Funker und nahm an einigen Feldzügen teil, die ihn in die Tschechoslowakei und Polen (1939), Frankreich (1940) und 1941 nach Russland führten. Auch in dieser Zeit fertigte er zahlreiche Zeichnungen und Malereien an.

Dank eines Wehrmachtserlasses wurde ihm 1942 ein Studienurlaub ermöglicht. Er bestand die Aufnahmeprüfung an der Akademie der Bildenden Künste in München und trat seine Ausbildung bei Professor Franz Klemmer (*1879 – † 1964) an.

Im Herbst 1942 musste Distler wieder an die Front. Aufgrund der militärischen Lage – kurz vor der Schlacht von Stalingrad 1942/43 – war er gezwungen, seine Tätigkeiten als Frontzeichner aufzugeben. Während des Rückzugs von Stalingrad wurde er am 23. Oktober 1942 in der Nähe von Odessa schwer verwundet. In der Folge amputierte man ihm in einem Lazarett das linke Bein. Er erkrankte an Diphtherie und musste mehrmals nachamputiert werden.

In dieser Zeit entstand eine enge Beziehung zu einer Krankenschwester. Der kurzen Ehe mit ihr entstammen zwei Töchter.

Abschluss des Studiums

Im Jahr 1946 nahm Distler das Studium der Monumentalmalerei und Wandgestaltung mit Berücksichtigung christlicher Kunst bei Professor Klemmer wieder auf. Sein Nachfolger Professor Franz Nagel (*1907 -† 1976) beförderte ihn zum Meisterschüler. Unterstützt wurde er außerdem durch ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Schon während der Studienzeit beteiligte sich Hubert Distler an Ausstellungen und Wettbewerben.

Die Innengestaltung der Pfarrkirche St. Maximilian in Augsburg 1950, zusammen mit Professor Nagel und anderen Kommilitonen, war eine der ersten modernen Nachkriegsarbeiten christlicher Kunst.

Als Nebenfächer belegte Distler Radieren, Holzschnitt, Textilkunst und Schreinerei.

In seinem Abschlusszeugnis vom 20. Mai 1952 schrieb Professor Franz Nagel:

„Herr Hubert Distler ist ein künstlerisch hochbegabter Mensch, der auf Grund seiner ausgezeichneten Leistungen zum Meisterschüler ernannt wurde. Seine äußerst produktive Tätigkeit umschließt das grafische Blatt und das Tafelbild ebenso, wie den Wandteppich und das Freskobild. Seine Arbeiten sind von charakteristischer Eigenart und fanden noch in seiner Studienzeit die öffentliche Anerkennung in Ausstellungen und Aufträgen. Hubert Distlers feine menschliche Art und die Kompromißlosigkeit seines Strebens lassen für seine weitere Entwicklung das Beste erwarten. Distler ist Angehöriger der Studienstiftung des Deutschen Volkes.“

Anfang der Selbstständigkeit in München

Atelier in der Mandlstraße
Atelier in der Mandlstraße in Schwabing  (1958 bis 1963)

Den Schritt in die Selbstständigkeit wagte Hubert Distler 1952. Im selben Jahr heiratete er seine Studienkollegin Eva Beer (* 1919 in Kronstadt in Siebenbürgen; † 2013). Aus dieser Ehe gingen Sohn Dedo und Tochter Marina hervor. Die Familie lebte zu dieser Zeit in München-Schwabing. Sein erstes Atelier bezog Distler 1958 in der Mandlstraße.

Zunächst arbeiteten Eva und Hubert Distler gemeinsam an Wandbehängen, wie zum Beispiel Antependien, für kirchliche Einrichtungen. Die Arbeiten Distlers waren sehr abwechslungsreich: er nahm an Ausstellungen und Tagungen teil, gestaltete 1953 für ein Theaterstück das Bühnenbild, viermal, von 1954 bis 1958, entwarf er die Faschingsdekorationen im Haus der Kunst.

Grafik Hubert Distler von 1957
Grafik 1957

Großen Einfluss auf seine Werke nahmen weiterhin seine Studienreisen, die ihn zu dieser Zeit mehrmals nach Italien, Spanien und in die Camargue führten. Das Erlebte verarbeitete er in Grafiken- und Gemäldezyklen.

Immer wieder war Distler in der evangelischen Akademie in Tutzing aktiv, nahm an der 3. Künstlertagung 1953 teil, stellte eigene Werke aus und schuf das Wandfresko „Ordnung des Chaos“ im Auditiorium.

Zusammenarbeit mit Olaf Andreas Gulbransson

Hubert Distler lernte 1956 in der evangelischen Akademie in Tutzing den Architekten Olaf Andreas Gulbransson, Sohn des Künstlers Olaf Gulbransson, kennen. In der Zusammenarbeit und Freundschaft mit Gulbransson konnte Distler seine Idee der Verknüpfung von Architektur und Malerei verwirklichen. Während dieser Schaffenszeit entstanden unter anderem die Wandgemälde in der Johanneskirche (Taufkirchen/Vils) und in der St.-Thomas-Kirche (Augsburg) in Fresko-secco-Technik. In Ingolstadt, Hamburg und Kehlheim entstanden auch erste Glasfenster.

Die intensive Zusammenarbeit nahm mit dem Unfalltod Gulbranssons im Sommer 1961 ein unerwartetes Ende. Im Sinne Gulbranssons vollendete Distler, der ja eigentlich Architektur studieren wollte, mehrere bereits begonnene Projekte.

Hauptschaffenszeit in Grafrath

Im Herbst 1963 zog die Familie von München nach Wildenroth-Grafrath im Landkreis Fürstenfeldbruck. Ein großes Atelier ermöglichte es ihm dort, sich neben den Auftragsarbeiten auch vermehrt der Freien Kunst zuzuwenden. So schuf er, inspiriert durch seine Erlebnisse in der Camargue, Dreifarben-Holzschnitte zum Thema „Sonne und Dornen“.

Die 60er-Jahre

Ab den 60er-Jahren wurde Distler zunehmend zu einem viel gefragten Künstler. Davon zeugen sieben große Wandgestaltungen (unter anderem in Geretsried, Weiden, Augsburg und Trier) und elf Glasarbeiten, sowie Antependien, Kreuze und Reliefs. Unterstützt wurde Distler von seiner Frau Eva, die dafür ihre eigene Kunst hinten anstellte. Seine Schaffenskraft machte sich in über 50 Auftragsarbeiten deutlich (siehe Werksverzeichnis).

Nun begann auch die produktive Zusammenarbeit und enge Freundschaft mit dem Architekten Franz Lichtblau.

Zu erwähnen ist außerdem die Kooperation mit anderen Architekten, die im Kirchenbau tätig waren, wie z.B. Karl-Heinz Schwabenbauer, Ludwig J.N. Bauer, Reinhard Riemerschmid, Prof. Dr. Wolfgang Rauda, Theo Steinhauser, A. Köhler , H. Ottl, L. Schlör, K. Engelhardt, A. Oppermann und H. Reissinger (siehe auch Werksverzeichnis).

Die 70er-Jahre

Der Stil Distlers änderte sich von den einfühlsamen, mystischen Fresken in Gulbranssons Kirchen hin zu Wandmalereien in helleren Farben. Er erhielt in dieser Zeit über 50 Aufträge, nicht nur in Kirchen, sondern auch in anderen bedeutenden Gebäuden, wie Jugendherbergen, Freizeitheimen, Banken und Gemeindezentren.

In der freien Kunst wendete er sich bei der Gestaltung von Grafiken einer neuen Technik zu. Er verwendete Harzfarbe, ergänzte diese mit Farbpigmenten und trug sie auf Papier auf. Durch das Aufsaugen überschüssiger Farbe mit Zeitungspapier erzielte er einen besonders feinen Farbauftrag. Die Konturen von Gegenständlichem deutete Distler meist mit schwarzer Farbe an.

Diese Technik ermöglichte ihm trotz des steten Zeitmangels eine Vielzahl an freien Arbeiten zu schaffen. Häufig waren die Kunstwerke in Ausstellungen zu sehen (siehe Ausstellungsverzeichnis).

Neben einigen Glasfenstern in katholischen Kirchen, schuf er in den 70er-Jahren mehrere Wand- und Deckenmalereien, Relieftafeln und -friese.

Auch bei privaten Aufträgen zeigte sich die Verknüpfung der Thematik Sonne/Himmel und Erde.

In seinen Werken  äußert sich immer die Tendenz zur starken Vereinfachung mit wenigen gegenständlichen Darstellungen. Die erfolgreiche Einbindung in verschiedenste Raumumgebungen verschaffte Distler auch Aufträge im historischen Bestand.

In den 70er-Jahren führten ihn Studienreisen mehrmals nach Israel, in die Türkei, Ägypten und Griechenland. Seine Reiseskizzen verwendete er als Grundlage für spätere grafische Darstellungen (siehe Reiseverzeichnis).

80er- und 90er-Jahre

Die 1. Verleihung des Kunstpreises der evangelischen Kirche 1980 an Hubert Distler steigerte seine Bekanntheit und führte zu einer sehr großen Anzahl neuer Aufträge. Unter anderem schuf er Wandfresken in 14 Kirchen und Gemeindesälen, Glasfenster für 20 Kirchen und Kapellen, Holzreliefs, Kanzeln, und Taufbecken.

Neben diesen Aufträgen führten ihn seine Reisen nun auch nach Polen, Rumänien, Rom und Moskau.

Die Anzahl seiner Ausstellungen nahm stark zu, so auch bei der Deutschen Gesellschaft für christliche Kunst München. Des Weiteren zeigte Distler 1988 Arbeiten in der Ausstellung „Luther und die Kunst in Bayern“ in Bonn. Mit namhaften Vertretern wie Wilhelm von Kaulbach, Otto Dix, Max Beckmann und Marc Chagall wurde ein Überblick protestantischer Kunst von ihren Anfängen bis in die Moderne geschaffen.

Um seine Idee der Verknüpfung von Architektur und Kunst umzusetzen und ein klareres Raumverständnis zu erlangen, fertigte Hubert Distler in seinem Atelier stets Modelle der Kirchen an.

Er erhielt mehrere Ehrungen, darunter 1998 das Bundesverdienstkreuz am Bande für sein Lebenswerk.

Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch Thomas Goppel (r.) 1998

Späte Jahre

Aufgrund seiner Kriegsverletzung, die ihn immer mehr einschränkte, zog sich Distler zunehmend zurück. Die Anzahl der angenommenen Aufträge nahm seit Mitte der neunziger Jahre ab. Das letzte große Werk war die Wandmalerei der evangelischen Kirche in Wasserburg/Inn im Jahr 2002.

Hubert Distler verstarb nach längerer Bettlägrigkeit am 1. Juni 2004.